Bookmark and Share

   

Auf ein Wort . . .

2 . April 2017
200. Todestag  von Johann Heinrich   Jung – Stilling  1740-1817

Heimat! Kaum ein anderes Wort unserer Sprache ist so ungenau definiert wie dieses.  Dabei hat gerade heute alles, was sich mit Heimat verbinden lässt, Konjunktur: In der Literatur und in der populären Musik, vom Schlager bis zum Rap. Die Sehnsucht nach dem angeblich heilen Landleben wird durch zahlreiche Zeitschriften und Fernsehsendungen bedient. Nationalistische Kräfte instrumentalisieren ihre Sicht von Heimat, um das, was sie dafür halten, von Fremden frei zu halten oder frei zu machen.               

Für die einen ist Heimat der Ort in der Kindheit oder Jugend. Für andere wurden spätere Lern- und Lebensorte zur Heimat, an denen sie verständnisvollen Menschen begegneten.  Menschen, die ihre Heimat nie verlassen mussten, werden anders von ihr reden, als die, die vor 70 Jahren aus der Heimat vertrieben worden sind. Und die, die damals ihre Heimat aufgeben mussten, was sagen sie zu den Geflüchteten unserer Tage, die bei uns Schutz suchen?    

In unserer Kirche hängen zwei Holztafeln, die mit ihren wertvollen Intarsienarbeiten an einen der berühmtesten Söhne unserer Stadt erinnern: Johann Heinrich Jung-Stilling. Am 2.April 1817, also vor 200 Jahren starb er. Er war ein erfolgreicher Augenarzt, ein gefragter Wirtschaftswissenschaftler und als Verfasser zahlreicher religiöser Schriften einer der bedeutendsten Vertreter der Erweck-ungsbewegung. Mit Herrscherhäusern in ganz Europa stand er in Kontakt.               

Auf den beiden Tafeln stehen zwei seiner bekanntesten Zitate: Das eine lautet: „Die beiden schönsten Dinge im Leben sind die Heimat, aus der wir kommen, und die Heimat, zu der wir wandern.“ Und das andere geht so: „Selig sind die das Heimweh haben, denn sie sollen nach Hause kommen.“         

Über seine Kindheit und Jugend in dem kleinen Dörfchen Grund hat Jung-Stilling schon als junger Mann geschrieben. Tiefen Eindruck hat auf ihn sein frommer und rechtschaffener Großvater, der  Kohlenbrenner Ebert Jung gemacht. Oft hat sein Enkel ihn in den Wald begleitet und lange Gespräche mit ihm geführt. Mit 14 Jahren wurde der begabte Junge schon zum Lehrer für die Kinder der Bauern in den Nachbardörfern, z.B. in Lützel berufen. Mit 22 verließ er endgültig seine Heimat im nördlichen Siegerland. In Straßburg studierte er Medizin. Hier traf er Johann Wolfgang Goethe und Johann Gottfried Herder. Goethe bekam Jung-Stillings Kindheits- und Jugenderinnerungen zu lesen und veröffentlichte  ohne dessen Wissen den ersten Teil seiner Erzählung. In sein kleines Heimatdorf Grund ist Heinrich Jung-Stilling nie wieder zurückgekehrt. Wuppertal, Kaiserslautern, Heidelberg, Marburg waren seine weiteren beruflichen, vor allem universitären Stationen. Schließlich wurde er im Rang eines Geheimen Hofrates zum Berater des badischen Großherzogs in Karlsruhe berufen.  

Doch die Motive von Heimat und Heimweh begleiten ihn bis ins Alter. Als er seinen großen Roman „Heimweh“ verfasste, schrieb er als ersten Satz:

„Selig sind die das Heimweh haben, denn sie sollen nach Hause kommen.“

Es ist kein Zufall, dass dieser Satz den Seligpreisungen Jesu aus der Bergpredigt nachgebildet ist. z.B. diesen: Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.  Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.  Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.        

                                                      (Matthäus 5,4.5.7.9)

Seligkeit – wir würden heute vielleicht von vollkommenem Glück sprechen – ist immer ein Geschenk Gottes. Ein Versprechen auch. Das motiviert dazu, etwas zu tun, was auf den ersten Blick keinen Erfolg oder Karriere verspricht: Sanftmütig und barmherzig sein und für Frieden eintreten; den Leidenden nahe sein und die Arglosen nicht verachten. Jesus selbst meinte genau das – und noch etwas darüber hinaus: Er weckte  mit seinen Seligpreisungen die Sehnsucht nach dem vollkommenen Glück in der Gemeinschaft der Kinder Gottes - hier auf Erden und im Himmel.

Jung-Stilling hat seinen großen Roman „Das Heimweh“ vor über 200 Jahren als einen allegorischen Reisebericht angelegt. Darin geht es um das Leben eines Christen, das eine Art Bewährungsreise zur ewigen Seligkeit ist. Heimat ist für Jung-Stilling zum einen  der Ort, aus dem ich komme,  wo ich die wesentlichen Prägungen und das geistige und geistliche Rüstzeug für meine Lebensreise empfangen habe.  Und zum anderen ist  Heimat der Ort, zu dem ich  unterwegs bin. Der  Ort, nach dem ich mich sehne. Eine Sehnsucht, die Gott in mir  weckt, nach dem  Ort des ewigen Friedens, des Friedens mit mir selbst und den anderen, ein Frieden nicht von dieser Welt, sondern in Gottes Welt. Beide Heimaten nennt Jung-Stilling die schönsten Dinge im Leben.

In unserer Kirchengemeinde steht der Satz: „Selig sind die das Heimweh  haben, denn sie sollen nach Hause kommen.“ ja sogar im Kirchensiegel. Viele Gemeindemitglieder wünschen sich,  dass dieses Zitat auch bei ihrer Beerdigung in irgendeiner Weise vorkommt.  Sie nehmen damit den Himmel in den Blick. In ihnen ist noch eine Sehnsucht nach Mehr, nach Schönerem, nach Vollkommenem lebendig. Man täte ihnen unrecht, ihnen eine übertriebene Frömmigkeit oder gar realitätsferne Schwärmerei vorzuwerfen. Sie sind im Gegenteil viel nüchterner als man denkt. Sie wissen, dass es keinen idealen und vollkommenen Ort hier auf der Erde gibt, der einem unbeschwertes Glück und Gelingen garantiert. Aber sie sind davon überzeugt, dass Gott ihre Hoffnung nicht enttäuschen wird, dass auf die Menschen am Ende der Tage ein Ort des ewigen Friedens wartet.    

Hier und jetzt – das versprechen die Seligpreisungen Jesu – ist das auch schon möglich. Schon jetzt kann ich die Welt da, wo ich lebe, zu einer Heimat für viele gestalten. Die himmlische Heimat, zu der ich unterwegs bin, gibt mir Bilder und Vorstellungen, wie schon diese Erde zu einem Ort des Friedens werden könnte. Und dennoch weiß ich: Das Paradies kann ich hier nicht verwirklichen. Es bleibt alles Stückwerk. Und so wächst die Sehnsucht nach der himmlischen Heimat, oder „nach dem Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.“

                                                      (2. Korinther 5,1)           

Der Theologe Fulbert Steffensky hat den „Menschen der Sehnsucht“ einmal so beschrieben: „Der Mensch der Sehnsucht „weint in jedem Land die Tränen seines Heimwehs nach der Sprache der Stummen und nach dem Augenlicht der Blinden. Zuhause wird er sein im Niemandsland, in dem Land, in dem noch keiner war. Zuhause wird er erst sein im Land, das allen versprochen ist: in dem Land, aus dem die Seufzer geflohen sind. Jeder Mensch der Sehnsucht ist ein Ausländer – überall. Schön sind die Menschen der Sehnsucht in ihrer Freiheit und in ihrer Skepsis den Heimaten gegenüber. Sie sind nicht eingefangen in eine Sprache, die sich als die einzig mögliche gibt, und sie kennen größere Lieder als die der Heimatkapellen.“     

(F. Steffensky, Schwarzbrot-Spiritualität, Stuttgart 2005 (Neuausgabe 2010), S.11

„Jeder Mensch der Sehnsucht ist ein Ausländer – überall“, sagt Fulbert Steffensky. Das bedeutet: Die Sehnsucht nach der Heimat im Himmel macht mich frei,  überall auf der Erde zu Hause zu sein – natürlich in aller Vorläufigkeit und Endlichkeit.

Ich bin  nicht eingeengt in und gefangen von meiner  Herkunft, sondern habe als Christ einen weiten Horizont. Wie Jung-Stilling, der sich mit vielen Menschen auf der ganzen Welt Briefe schrieb: mit einfachen und mit bedeutenden. Mit allen, die seinen Rat suchten.  An die 20.000 Briefe hat er geschrieben.

Seinen irdischen Heimatort hat er nie vergessen auch wenn er ihn nicht wiedergesehen hat. Im gewissen Sinne war er damit auch ein Ausländer in dieser Welt. Er wusste: Ich bin ein Gast auf Erden, der hier keinen bleibenden Stand hat. Was er aber hatte: Durch seine Studien- und Arbeitsorte hatte eine Weite der Erfahrungen und des Denkens erlangt, so dass ihm weltweit Achtung und Respekt zuflossen. Dabei war er tief gegründet im Glauben seiner Kindheit und Jugend. Und er wusste: Eines Tages werde ich in der Heimat sein, aus der ich nicht mehr weggehe.  In meiner Heimat bei Gott.

Aber meine jetzige irdische Heimat oder meine verschiedenen Heimaten auf meiner Lebensreise kann ich gestalten. Nach dem Bild der himmlischen Heimat kann ich sie zusammen mit anderen zu einem lebenswerten Ort für alle machen. Ich kann die Schönheit meiner Heimat anderen zeigen.              

Zu fürchten ist, dass heutzutage der Wunsch nach einfachen Antworten und einer Abschottung gegen Fremde stärker ist, als die Sehnsucht nach einem umfassenden Frieden für alle. Vor allem für die, die vor Krieg in ihrer Heimat geflohen sind. Als Christ weiß ich: Gott hat mir  gerade die Sehnsucht nach umfassendem Frieden und Ruhe ins Herz gelegt. Ich vertraue seinem Versprechen von einer ewigen Heimat. Und ich fühle mich vom Himmel herausgefordert, Gott hier auf der Erde die Ehre zu geben: in meinem Denken und Handeln. Darin, allen Menschen ein Leben in Sicherheit und Würde zu ermöglichen. Denn es ist richtig, was der Dichter Georg Baron von Örtzen (1829-1910) einst sagte:

„Wir sichern uns die Heimat nicht durch den Ort, wo,
                     sondern durch die Art, wie   wir leben!“        

Ihr Rüdiger Schnurr